Das Problem mit der Superlative

Das Problem mit der Superlative

Welches ist die beste Programmiersprache; Welches Betriebssystem verwendet ihr; Welche GUI nutzt ihr - eine Umfrage mit 4 Beispielen.

Solchen Fragen mit der Möglichkeit abzustimmen gibt es zu Hauf bei Twitter. Auch bei Blogbeiträgen, Videos, Streams und anderen Veröffentlichungen wird im Titel sehr schnell zu 'Dem Besten', 'Warum ihr nie' und der 'Top 5' gegriffen. Fair genug, als Person, die Inhalte erstellt entsteht schnell das Gefühl zu einem Titel greifen zu müssen, der den Algorythmen von Youtube, Facebook und Co gerecht wird - Clickbait.

Wird dieses zur Debatte gestellt, kommen sehr schnell die Ausflüchte, alle würden es ja so handhaben und anders gäbe es keine Chance zu bestehen.

Hier haben wir es wieder. Alle würden es ja so handhaben. Das Problem dabei bleibt aber - nur weil alle es machen, wird es dadruch nicht richtiger. Des weiteren stimmt diese Aussage nicht - dieser Blog hier verzichtet darauf… und es werden mehr.

Betrachten wir aber kurz, wo genau die Probleme liegen

1) Hängt davon ab

Wählen wir als Beispiel eine der oben genannten Umfragen Welches Betriebssystem verwendet ihr. Über gewisse Feinheiten könnte noch hinweg gesehen werden. Bei Mobiles gibt es zwar nur zwei große Möglichkeiten 'Android' und 'macOS', hier ist aber die Version extrem wichtig, was den Funktionsumfang angeht. In den meisten Fällen sind auch 'Windows', 'Mac' und 'Linux' als einzige Optionen vorgesehen, sind die Umfragen auf maximal 4 Antworten beschränkt.

Aber auch hier liegt das Problem im Detail. Wo Mac zumindest jedes Jahr mit einem neuen Namen Aufwartet veröffentlich Microsoft immer mal wieder, zu meist im halbjährigem Abstand einfach so ein größeres Update. Welches aber aktuell läuft ist schwierig und für den normalsterblichen nicht ohne größeren Aufwand und Wissen in Erfahrung zu bringen. Bei Linux ist aber die Distribution der aussagekräftigste Aspekt und diese gibt es wie Sand am Meer.

Schieben wir aber auch diesen Aspekt zur Seite, so wird meine Antwort weiterhin 'Depends on' heißen und das aus einem guten Grund.

Ich nutze macOS gerne zum Entwickeln, weil es mir sehr viel Arbeit abnimmt, ein stabiles System liefert und mit vielen Hilfsprogrammen an Bord kommt. Windows wird zum Spielen genutzt, weil 99.9% der Spiele - Konsolen einmal ausgenommen - laufen hier und werden für dieses System als erstes erstellt. Wenn es um Server und 24*7 Aufgaben geht, ist Linux und hier am ehesten Debian oder Ubuntu meine erste Wahl. Meine Wahl hängt also vom Einsatzbereich ab und das aus guten Gründen; es ist also ein und und kein oder.

2) Die Sache mit dem Neoliberalismus

Viele werden Denken, damit um die Ecke zu kommen ist jetzt aber auch ein starkes Stück. Das mag sein, aber als jemand der in den 80ern groß geworden ist, kann ich mich diesem Gefühl einfach nicht erwehren und oft wird bei mir weiterhin das Gefühl erweckt, es zählt vor allem 'The winner takes it all'.

Ob dieser Slogen jetzt wirklich unverkennbar mit dem Neoliberalismus in Verbindung gebracht werden kann und ob es wirklich Sinnbildlich für das Problem steht, könnte noch mal an einer anderen Stelle betrachtet werden. Zu Überdenken ist aber das grundlegende Verhalten, welches sich dahinter befindet.

Der Kult um die Entität an der Spitze birgt einiges an Gefahren - werden die äußeren Umstände oft ignoriert und bei späteren Betrachtungen nicht mit ins Gewicht gefasst. Schnell landet die Person mit dem neu erstandenen Computer vor der Hürde, 'das beste Betriebssystem' nicht installieren oder gar in betrieb nehmen zu können. Unendliche Konfigurationsdateien in unentdeckte mit Berechtigungen verschlossene Weiten, die noch nie ein Benutzer zuvor entdeckt hat - verhindern auch nur die ersten Schritte in der schönen neuen Digitalwelt. Da ist ein 'Ich drücke auf den Knopf und alles läuft, egal was ich anschließe', auch wenn es den einen oder anderen Euro mehr kostet dann doch die bessere Wahl.

3) Der eigene Geschmack

Ähnliches gilt auch für die meisten Top-Listen. Welches die besten 5 Lieder der 'Hier beliebige Band einfügen' sind; welches die besten Solos der Rockgeschichte sind; wer der beste Schlagzeuger ist - das alles unterliegt zu einem großen Teil den persönlichen Geschmack. Wird der Versuch gestartet irgendwelche Eigenschaften zu quantifizieren so steht man vor dem Problem der Gewichtung. Ist schnelleres Spielen eines Instrumentes mehr Wert als genaues? Wie wird Kreativität bewertet und was ist überhaupt Kreativität.

Es gibt viele verschiedene Ansätze diese Fragen zu klären. So wurden andere Musiker{plur} nach ihren Einflüssen gefragt, um so zu einer bestimmte Wertung zu gelangen. Dieses führte aber unweigerlich dazu, dass Musiker in den 60ern und 70ern hohe Werte erhalten haben, weil es sie schon länger gibt, als auch aus dem Grund, dass aus verschiedenen Gründen weniger Musiker Zeitgleich bekannt geworden sind.

Ein wirkliche Rangordnung lässt sich also erst dann nachhaltig erstellen, wenn viele unmessbare Einflüsse nicht mit betrachtet werden. Wem die Liste 'Die meisten Quintupplets gespielt auf einem Standard 21' Jazz Schlagzeug' dann noch Hilft bleibt die Frage - ausgenommen natürlich Hersteller von Quartett-Spielen.

4) Quod erat demonstrandum

Eine Gefahr bei der Verwendung von Superlativen besteht dann noch zusätzlich bei der Belegbarkeit. Schnell werden selbst bei guten Argumente Worte wie 'niemand', 'keiner', 'alle' oder 'jeder' verwendet. Das Problem besteht jetzt darin, dass die Aussage noch so gut sein kann - das eine, welches eben doch nicht so ist kann schnell gefunden werden und wiederlegt somit den Punkt.

Sicher sollte man eine weltliche Diskussion in den seltensten Fällen mit der mathematischen Aussagenlogik begenen. Auf der anderen Seite lohnt sich aber die Frage, warum das Gefühl entstanden ist die Notwendigkeit so starker Worte zu verwenden. Wenn eine Sichtweise erst dann bestehen kann, wenn sie in Gänze akzeptiert wird und keinen Sonderfall zulässt, sollte sich direkt die Frage stellen, ob es dann noch eine gute ist.

5) The winner takes it all

Bekanntlich gibt der Erfolg jemanden recht. Klickbait funktioniert und auch wer plakative Fragen bei Twitter stellt erlangt in den meisten Fällen viele Herzen, Retweets und gewinnt oft neue Follower. Trotzdem sollten wir uns alle - und in diesem Fall ist es legitim 'alle' zu verwenden - fragen, ob wir in einem solchen System leben wollen. Vielleicht sollten wir uns die Frage stellen, ob es nicht an der Zeit ist sich zu emanzipieren und nach dem Motto leben: Der Zweck heiligt die Mittel.

Sicher, wir leben im Kapitalismus und viele verdienen auf diesem Weg Geld; sollte der Anspruch aber nicht ein höherer Sein? Bestimmte quantifizierte Auflistungen können hilfreich sein und Benchmarks gehören auch in der Softwareentwicklung zum Entwicklungs-Zubehör dazu. Für eine wissenschaftliche Analyse gehören in dem Fall aber alle Parameter, die die Messung beeinflussen könnten. Eine fundierte Fehleranalyse steht auf einem ganz anderem Blatt und wird von dem normalsterblichen mit Sicherheit nicht mal eben so geliefert werden können. In vielen Fällen reicht aber ein etwas anderes Wording - ein wenig mehr Luft und Freiheit, um Raum für Alternativen zu liefern.

Tl/Dr | Fazit

Bei einem 'jeder' muss es nur die eine Person geben, die genügt, um die Aussage zu widerlegen. Wenn bei der Behauptung aber kein 'die meisten' reicht ist sie mit Sicherheit unausgewogen und fern der Realität. Wer aber nur 'oft' verwendet oder allein dadurch Raum für alternativen Ansichten ermöglicht, indem er seine Aussage auf bestimmte Fälle beschränkt, läuft auch nicht Gefahr übergriffig zu wirken. oder im schlimmsten Fall sich als Narr zu erweisen, nur weil ihm die Punkte ausgehen zu belegen, warum 'seine' eben nicht 'die beste Programmiersprache' oder 'das beste Framework' auf der Welt ist.